Zwischen Hightech und Naturkleber: Restaurieren für spätere Generationen

Steht die Kogge stabil? Lässt sich fragiler Fahnenstoff aus dem 19. Jahrhundert nähen? Und darf eine historische Pfeife geklebt werden? Zum Europäischen Tag der Restaurierung am 18. Oktober blickt das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte ganz genau auf einen zentralen Zweig der Museumsarbeit: die Restaurierung und Konservierung. Kaum jemand kommt den Exponaten so nah wie Silke Wiedmann. Die Restauratorin hat eine Mission: Objekte zum Sprechen zu bringen und maritimes Kulturgut für weitere Generationen zu bewahren.

Silke Wiedmann legt vorsichtig Seidenpapier unter einzelne Bereiche der Kogge. Sammeln sich auf dem hellen Untergrund Krümel, weiß die Restauratorin: Das Holz bewegt sich. Allein auf das Papier verlässt sich Wiedmann allerdings nicht. Alle sechs Monate steht eine lange Nacht im Museum an. Dann scannt eine Vermessungsingenieurin der Jade Hochschule das rund 20 Meter lange Schiffswrack mit moderner Photogrammmetrie. Die bislang sechsstündigen Messungen an mehr als 400 Punkten ergaben immer ein beruhigendes Ergebnis: Die Kogge bewegt sich nicht und bleibt in Form.

Neben dem größten und ältesten Exponat des Museums aus dem 14. Jahrhundert ist Wiedmann – die Expertin für archäologisches Kulturgut ist – auch für rund 380.000 Archivalien und 60.000 Museumsobjekte verantwortlich, die zum DSM gehören und zu großen Teilen im Forschungsdepot lagern. „Meine Aufgabe ist es, Objekte zu erhalten, richtig zu lagern und zu bewahren. Das fängt bei klimatischen Bedingungen im Depot an und hört beim Licht- und Schädlingsschutz nicht auf“, erklärt sie. Bei der Konservierung gehe es vor allem darum, so wenig wie möglich in das Material einzugreifen und das Objekt dadurch langfristig zu bewahren. „Die Kogge regelmäßig zu entstauben, entspricht beispielsweise der präventiven Konservierung. So entstehen Schäden gar nicht erst.“

In ihrem Job ist die größte Herausforderung, alles im Blick zu behalten. Besonders vor Ausstellungen wird es stressig. Sie erinnert sich an ein besonderes Projekt: „Ich habe schon eine Opiumpfeife aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Wichtig ist dabei, mit natürlichen Klebstoffen zu arbeiten, die nicht chemisch sind, das Material nicht beschädigt, aber dennoch haltbar. Bei der Opiumpfeife kam letztendlich Acrylharz zum Einsatz“. Auch die Heizerfahne aus dem späten 19. Jahrhundert, die in der Ausstellung „Schiffswelten“ zu sehen ist, blieb ihr als komplizierter Fall in Erinnerung.  Wiedmann holte sich Rat bei zwei Fachrestauratorinnen für Textil und Gemälde. Der einst seidig-fließende Stoff war brüchig, zugleich wurden Schäden früherer Restaurierungen sichtbar. „Licht ist sehr schädlich. Deshalb ist die Fahne jetzt in einem speziellen Lichtschutzkasten ausgestellt.“

Derzeit hat Wiedmann Unterstützung: Lea Künzel absolviert ein mehrwöchiges Praktikum im Rahmen des Konservierung-/ Restaurierungsstudiums im DSM und widmet sich dem Segelrettungsboot GEHEIMRAT HEINRICH GERLACH, das Teil der neuen Ausstellung zum Thema „Seenotrettung“ im Scharoun-Bau werden soll. Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Gründungsbau des Museums ist zwar erst für 2032 geplant – die Vorbereitung der Objekte wird jedoch schon jetzt geplant. Künzel ist ausgebildete Bootsbauerin und an der GEHEIMRAT HEINRICH GERLACH sozusagen in ihrem Element. Sie testet Lösungsmittel, die die originale Beschichtung nicht angreifen und auflösen. Mit zehn Metern Länge und einem Gewicht von knapp sieben Tonnen ist das 1913 gebaute Boot eines der größten Objekte im Forschungsdepot.

Dichter als Wiedmann und Künzel kommt man den Exponaten kaum. Schicht für Schicht gehen die beiden Restauratorinnen den Dingen auf den Grund, arbeiten behutsam an ihrer Erhaltung und eröffnen ihnen eine Zukunft. Dabei bringen sie historische Objekte zum Sprechen, ohne ihre Geschichte mit Spuren der Neuzeit zu überdecken.

Das Motto des diesjährigen Europäischen Tags der Restaurierung könnte ihre Arbeit treffender kaum beschreiben: „Ganz nah dran!“ Denn wer sich den Objekten so intensiv widmet, entdeckt nicht nur ihre verborgenen Geschichten, sondern gewinnt auch Einblicke in die Gedanken, das Wissen und die Fertigkeiten der Menschen, die sie einst geschaffen haben. So machen Wiedmann und Künzel Vergangenheit greifbar und schlagen Brücken zwischen den Objekten, ihrer Entstehungszeit und unserer Gegenwart.

 

Kontakt Presse

Dr. Jessica Adolf

presse@dsm.museum

Die Restauratorin Silke Wiedmann vor der Kogge.

Credit: DSM / Annica Müllenberg

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