Scharouns eigener Weg des "Neuen Bauens"
Wie wird der Scharoun-Bau nach der Sanierung aussehen? Wie verzahnen sich alle Ausstellungen miteinander? Wir schauen regelmäßig durch das Baustellenbullauge und geben den Visionen eine Form.
Im Interview erzählt der verantwortliche Architekt Wilke-Bernd Wiedenroth mehr über die anstehenden Bauphasen und seine Visionen zum Scharoun-Bau.
Herr Wiedenroth, Ihr Architekturbüro ist seit langer Zeit mit dem Museum und den einzelnen Gebäuden verbunden. Präferieren Sie einen Gebäudeteil und warum?
Wilke-Bernd Wiedenroth: Ja, es ist der Scharoun-Bau in seiner ursprünglichen Ausprägung vor 2000. Es ist einerseits der Umstand, dass Scharoun als Kind der Stadt an die Städte seiner Jugend zurückkehren konnte und hier sein Spätwerk realisieren durfte. Andererseits ist es die im Bauwerk ausgedrückte konträre Architekturhaltung zu den Mainstream-Gebäuden der Siebzigerjahre. Gegenüber auf der anderen Seite des alten Hafens steht heute das Columbus Center. Es ist jedem Laien auf den ersten Blick klar, dass hier völlig unterschiedliche Architekturauffassungen den Gebäudeentwürfen zugrunde liegen, obwohl beide für sich das moderne Bauen repräsentieren. Scharoun fand seinen eigenen Weg des „Neuen Bauens“ über die Organische Architektur. Deren Vertreter wie Erich Mendelsohn, Hans Scharoun oder auch Frei Otto eint bei aller Unterschiedlichkeit der Werke der Anspruch, die Bauaufgabe organisch aus einer Sache heraus zu entwickeln. Es entstanden in den verschiedenen Epochen ikonische Bauwerke wie der Einsteinturm 1920-1922, die Philharmonie 1960-1963 oder das Olympiastadion 1969-1972. Das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven bildet den Abschluss in Hans Scharouns Werk.
Was macht die Architektur des Scharoun-Baus Ihrer Meinung nach besonders?
Es ist die architektonische Haltung Hans Scharouns in Verbindung mit seinem außergewöhnlichen räumlichen Vorstellungsvermögen.
Die Bauaufgabe umfasste höchst unterschiedliche Einzelteile, die zusammenzufügen waren.
- Die Koggehalle, ein Ausstellungsbereich, der für die Zeit des Aufbaus der Hanse-Kogge als Werkstatt und der Nassholzkonservierung diente
- Der Vortragssaal im Obergeschoss
- Die Werkstätten auf der Westseite des Gebäudes liegend
- Bibliothek und Verwaltung nahe des Eingangs gelegen
Dies alles gruppiert sich bruchfrei und mit hoher Selbstverständlichkeit um die Ausstellungsflächen.
Über Achsenverschiebungen und Winkeländerungen werden Sichtachsen geschaffen und Raumangebote gemacht. Dieser zweidimensionalen Qualität entsprechend kommt die dreidimensionale Ausgestaltung hinzu.
Die Ausstellungsflächen entwickeln sich aus dem Eingangsbereich über, im Uhrzeigersinn, geschickt angeordnete Höhenversätze hinunter zu den unter dem Eingangsbereich tiefer liegenden Flächen. Er löst hier den traditionellen Begriff des Geschosses vollständig auf.
Die zweidimensionale und die dreidimensionale Ebene nutzt Scharoun, um durch geschickte Anordnung von Oberlichtern und Schrägverglasungen eine einzigartige Tageslichtatmosphäre im Gebäude zu erzeugen. Es zeigt sich zu jeder Tageszeit oder Tageslichtstimmung neu. Scharouns Wissen und Urteilskraft hatten ein Niveau erreicht, das ihn in die Lage versetzte, mit verschiedenen Lösungsangeboten spielerisch umzugehen und uns dieses architektonische Meisterwerk zu hinterlassen. Noch ein Blick auf die handwerkliche Seite. Das Gebäude ist in weiten Teilen als Betonbau ausgeführt. Notwendig ist dazu die Erstellung einer Negativform, die dann mit Beton ausgegossen wird. Sie wurde in kleinteiliger handwerklicher Arbeit als Brettschalung errichtet.
Haben Sie einen Lieblingsort im Scharoun-Bau?
Zweifelsohne ist es die Ausstellungsfläche in all ihren Ausprägungen.
Sie haben die Bauarbeiten von Anfang an begleitet. Was wurde bereits im Scharoun-Bau gemacht?
Was wir bereits geschafft haben, ist im Wesentlichen die Sicherung des Bestandes über die neu aufgebauten Dachflächen und die Wiederherstellung von Oberlichtern nach den Originalplanungen. Das klingt nicht viel, ist aber mit den 15 verschiedenen Dachebenen und Anschlüssen an Durchdringungen oder Dachkanten schon respektabel. Es ist in Abstimmung mit der Denkmalpflege gelungen, eine ausreichende Wärmedämmung, die an den Dachkanten nicht sichtbar wird, aufzubauen. Der kontrollierte Wasserablauf konnte so geschaffen werden. Schon vor einiger Zeit (2017) konnte die Sanierung des Kogge-Hauses abgeschlossen werden.
Was sind die Herausforderungen für den finalen Ausbau – auch wenn Sie beispielsweise an Barrierefreiheit denken?
Was im Rahmen der neu einzubringenden Ausbauteile geschafft werden muss, ist die Integration der neuen technischen Anlage, die den heutigen Anforderungen an die Gebäudeenergetik gerecht wird. Der Planungsstand Ende der 60er-Jahre, die Grundsätze der organischen Architektur mit ihren versetzten Ebenen und Raumfolgen machen die Zielerreichung nicht einfacher.
Die Ertüchtigung des Baudenkmals muss im Sinne seiner Gestaltungshöhe gelingen. Die im Bauwerk angelegten Qualitäten sollen auf jeden Fall erhalten bleiben. Erkannte Zielkonflikte müssen im Sinne des Denkmals gelöst werden. Insbesondere sind dies die knappen Installationsflächen in Decken- und Fußbodenbereichen. Es gibt kaum Möglichkeiten, durchgehende horizontale Installationstrassen aufbauen zu können. In den Bereich der Ausstellungsplanung fällt die Aufgabe, mit dem reichlich vorhandenen Angebot an Tageslicht umzugehen. Die barrierefreie Erschließung ist bereits 1978, drei Jahre nach der Eröffnung des Museums, nachgerüstet worden. Im Zuge der Sanierung der Kogge-Halle 2017 wurde ein neuer barrierefreier Glasaufzug, der die Ausstellungsebenen verbindet, eingebaut. Dieser verfügt als Novum an drei Seiten der Kabine über Türen.
Die weiteren Ebenen sind über Rampen erschlossen.
Wo sehen Sie die Herausforderung, den Scharoun-Bau in die bestehenden Gebäude zu integrieren. Wie kann aus den drei Gebäudeteilen ein für die Besuchenden Ganzes entstehen?
Die Frage nach der Integration des Scharoun-Baus ist ein interessanter Gedanke. Nicht so sehr aus dem zeitlichen Kontext heraus; wie soll es dem Erstgebauten gelingen, sich zu integrieren? Es wäre die Sache, vor diesem Hintergrund, einfach zu beantworten. Die organische Architektur Hans Scharouns hat in der Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe individuelle zweckbezogene Räume geschaffen. Ganz dem Planungsansatz „organisch, aus der Funktion heraus entwickelt“ folgend. In diesem Sinne begann der Entwurf Scharouns im Außenraum, der Platzbildung in Richtung Stadt und einer Freitreppe, die mit ihrer Materialität nahtlos in den bereits beschriebenen Innenraum führte. Raumzuschnitte und Dimension haben sich immer auch an den menschlichen Bedürfnissen orientiert. Gegenübergestellt wurde der kleinteiligen Architektur Scharouns eine vermeintlich flexible Großform. Wo Scharoun kleinteilig gliedert und staffelt, antwortet diese mit Reihung und Rasterung. Dem Selbstverständnis, das Scharoun seinem Entwurf mitgegeben hat, steht die Großform gegenüber. Ein Archetyp, wie Dietrich Bangert ihn einmal nannte. In seiner Detaillierung nicht minder anspruchsvoll aber deutlich aufwendiger. Ist dieses Bauwerk für die museale Nutzung geeigneter? War es ein passender Ersatz für die im Wesentlichen als Kalthalle ausgeführte erste Bootshalle? Bereichert er den Außenraum? Diese Fragen kann man sicherlich diskutieren und jeder sollte seine Präferenzen finden. Hier am Deutschen Schifffahrtsmuseum kommen sich Funktionalismus und Ästhetik in der Architektur so nahe, dass sich der Vergleich geradezu aufdrängt. Es ist also nicht so, dass sich der Scharoun-Bau integrieren muss oder sollte. Nehmen wir beide Gebäudeteile als das, was sie sind: konträre, hervorragende Beispiele völlig unterschiedlicher Architekturstile. Mit dem Gebäudebestand werden wir respektvoll umgehen und sicherstellen, dass es nicht zu einer Überformung des Scharoun-Baus kommt. Bisher hält er sich wacker. Auch bei der Materialität müssen wir achtgeben die durchgestalteten Oberflächen zu erhalten oder wo möglich, zurückzugewinnen.
Was wird im Inneren bis zur Fertigstellung noch alles passieren?
Es steht die Vollendung der Ausführungsplanungen an. Aufbauend auf den ersten Überlegungen der Ausstellungsgestaltung ist auch diese fertig durchzuplanen.
Im nächsten Schritt werden die Handwerker das Gebäude in Beschlag nehmen und die neue Gebäudetechnik und den neuen Innenausbau vornehmen. Danach werden die Bauabtrennungen zwischen der Kogge-Halle und dem Bangert-Bau entfernt. Ich persönlich freue, mich dann den Innenraum des Scharoun-Baus wieder in Gänze erlebbar werden zu lassen.

Der Architekt Wilke-Bernd Wiedenroth
Bild: Wiedenroth
Booklet zur Zukunft des Scharoun-Baus

Der Scharoun-Bau wird derzeit saniert und ist nur von außen zu sehen. (Foto: Karolin Leitermann)
Zu den kuratorischen und architektonischen Visionen für den Scharoun-Bau ist ein Booklet erschienen.

