Ehemaliger DSM-Direktor erhält Bundesverdienstkreuz

15.07.2021

Eifriger Netzwerker, mit Leib und Seele Museumsmensch und zupackender Flößer – auf Hans-Walter Keweloh treffen viele Bezeichnungen zu. Zufällig stolperte der einstige Direktor des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter während eines Projekts zu vorindustriellen Wasserfahrzeugen über das alte Handwerk des Flößens – ein wegweisender Zufall, der ihm am 22. Juli 2021 das Bundesverdienstkreuz einbringt. Die Verleihung findet im DSM statt – wo alles begann.

Zielstrebig schreitet Hans-Walter Keweloh zum Heck der Kogge, sein Blick tastet forschend die Planken ab und bleibt an einer Kerbe haften: „Das sind Floßspuren“, ist sich der Historiker und Volkskundler sicher, der seit mehr als 50 Jahren erforscht, wie Holz auf dem Wasserweg in Dörfer und Städte kam.

Es ist nur eine winzige Spur von vielen. Keweloh deckte Tausende in ganz Deutschland auf, die dem alten Handwerk zu neuem Bewusstsein verhalfen und grenzüberschreitende Beachtung einbrachten. Der Holzhafen in Bremerhaven? Wasserstraßen in Berlin? Dort trieben früher Holzstämme. Nach Berlin bis 1974. „Das letzte Rheinfloß war 1967 unterwegs, das hätte ich eigentlich in Bonn sehen müssen. 1966 begann ich dort mein Studium“, sinniert der Rheinländer mit dem Elefantengedächtnis und man glaubt einen Hauch Wehmut in seiner Stimme zu hören, den denkwürdigen Moment verpasst zu haben.

1979 startete Keweloh als wissenschaftlicher Mitarbeiter am DSM ein Projekt zu vorindustriellen Wasserfahrzeugen am Rhein, dabei stieß er zufällig auf die Flößerei als wichtigen Wirtschaftszweig: Städtebau und Flößerei, das gehörte zusammen. Der LKW löste das uralte Transportsystem nach und nach ab, in großen Teilen der Republik vergaß man es ganz. Keweloh katapultierte es ins deutsche und europäische Bewusstsein zurück: Die Flößerei steht seit 2014 im ersten bundesweiten Verzeichnis der deutschen UNESCO-Kommission als immaterielles Kulturerbe.

Als Keweloh sich 1982 um eine feste Stelle als Verantwortlicher für die Abteilung Schifffahrt im Mittelalter am Haus bewarb, war sein Lebensthema bereits geboren und die Idee für die Ausstellung „Flößerei in Deutschland“ als Vision fest im Kopf verankert. Zu der Zeit spielten Flöße weder in Deutschland noch im DSM eine Rolle. Die Eröffnung der Schau 1985 markiert symbolisch den Start einer Bewegung. Aus dem bayerischen Lenggries reiste eine Flößer-Delegation persönlich an, um die Flagge ihres Vereins als Leihgabe an die Nordsee zu bringen. Zupackende Herzlichkeit in Krachlederhosen und Stopselhut preschten auf zurückhaltendes Hanseatentum. Die Medien zeigten sich begeistert von der vergessenen Tradition. Im Süden horchten die wenigen vereinzelten Flößergemeinden auf, als man in Bremerhaven plötzlich von ihrem Handwerk sprach. Schnell ging die DSM-Ausstellung auf Wanderschaft nach Stuttgart, in den Schwarzwald und von dort nach Heilbronn sowie an den Rhein nach Königswinter.

„Man müsste mal die Flößerei-Forschenden zusammenbringen“, grübelten die Floß-Experten wenig später und ersannen mit Keweloh zusammen eine Tagung, die zur Geburtsstunde der Flößertage werden sollte. „Damals trafen sich nur eine Handvoll Leute – heute sind es bis zu 250 Männer – und Frauen. Es gründeten sich Museen und die verstreuten Vereine lernten sich kennen und vernetzten sich. Rund 2.000 Menschen brachten wir auf diese Weise über die Jahre zusammen“, erzählt der Wahl-Bremerhavener, der durch sein unermüdliches Schaffen diverse Funktionen bekleidete: Vorsitzender der Deutschen Flößervereinigung, Vizepräsident der International Association of Timber-Raftsmen und ab dem Jahr 2000 für fünf Jahre DSM-Direktor.

Eine Handbreit Wasser unterm Kiel – ein Lebens- und Familienmotto. Die Kewelohs und ihre drei Kinder kennen die deutschen Flüsse. Wenn die Fünf nicht an Isar, Saale oder Weser weilten, verteilte der Nachwuchs Bretter im heimischen Garten, ahmte die Floßfahrt nach und übte den festen Stand auf den Brettern. Es galt, bloß nicht daneben treten und über Bord gehen.

Den Fehltritt erlaubte sich dann der Floßexperte: Von einem kleinen Touristenfloß, rund acht Meter lang, auf der Alz am Chiemsee, fiel er ins Wasser. Exemplare mit 360 Metern Länge und sieben Lagen Holz waren früher keine Seltenheit. Lachend zieht Keweloh das linke Hosenbein ein Stück hoch und deutet auf die bleibende Narbe, mit der er gern lebt.

Was noch bleibt sind neue Vereine, lebenslange Freundschaften und Anerkennung auf höchster Ebene – Flößerei ist eben nicht nur Wasser und Holz.

Die Aussicht auf das Bundesverdienstkreuz sei sein schönstes Weihnachtsgeschenk gewesen, sagt der 74-Jährige. „Ich habe mich genauso sehr gefreut, als nach Ostern die Nachricht von der gemeinsamen Bewerbung auf Anerkennung als Immaterielles Weltkulturerbe der UNESCO kam.“ Als er gefragt wurde, wo er die Ehrung am 22. Juli entgegennehmen wolle, zögerte er keine Sekunde: „Natürlich im DSM, dort, wo alles begann.“ Zusätzlich darf er sich darauf freuen, Museumsneuland zu betreten: Die Feierstunde wird nämlich im jüngst eingeweihten Forschungsdepot stattfinden.

Kontakt Presse

Thomas Joppig

0471 482 07 832

presse@dsm.museum

Hans-Walter Keweloh erhält das Bundesverdienstkreuz.

Foto: DSM / Annica Müllenberg

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Hans-Walter Keweloh, Floß-Experte und einstiger Direktor des DSM, vor der Kogge.

Foto: DSM / Annica Müllenberg

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