

Briefe aus Gefangenschaft
Freitag, 25.9.2026 / 10 bis 17 Uhr / Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5, 28195 Bremen / Anmeldung erforderlich
Interdisziplinäre Perspektiven auf persönliche Zeugnisse aus Gefangenschaft, Verfolgung und Strafvollzug vom 19. Jahrhundert bis heute – unter besonderer Berücksichtigung von Deutschland und UK –
Veranstalter: Christine Graebsch, Lucas Haasis, Romy Heße unter Mitarbeit von Kim Dresel
Mit freundlicher Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung
Um in Gefangenschaft mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben, nutzten und nutzen Menschen Briefe und Postkarten als zentrale Kommunikationsmittel. Sie ermöglichen es, Angehörigen und nahestehenden Personen Lebenszeichen zu senden, Beziehungen weiterhin aufrechtzuerhalten, sich über Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste auszutauschen oder auch Unterstützung zu erbitten. Wo Gefangenen das Schreiben in der Vergangenheit verboten war oder sie nicht schreiben konnten, hatten sie teilweise die Möglichkeit, Nachrichten zu diktieren. Fest steht, dass Menschen unter den Bedingungen der Gefangenschaft von Abhängigkeiten, Kontrolle, Zensur sowie eingeschränkten Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten betroffen waren und sind. Auch erreichten bei weitem nicht alle in Gefangenschaft verfassten Briefe und Postkarten ihre Adressat*innen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir Schreiben aus Gefängnissen heute in einem Archiv finden, ist gerade dann hoch, wenn die zuständigen Verfolgungsinstanzen in der Vergangenheit diese Briefe und Postkarten abgefangen und zu einer Akte genommen haben oder diese von Inhaftierten selbst an kontrollunabhängige Institutionen gesendet wurden. Nicht zugestellte Nachrichten aus Gefangenschaft können aber auch durch historische Zufälle erhalten geblieben sein. Andere Briefe werden seit 1977 und bis heute im Strafvollzugsarchiv empfangen und archiviert.
Diesen archivisch überlieferten Schriftzeugnissen aus unterschiedlichen Kontexten von Gefangenschaft widmet sich ein Workshop im Bremer Haus der Wissenschaft am 25.09.2026. Er dient als Auftakt für eine geplante neue interdisziplinäre Arbeitsgruppe. Im Mittelpunkt stehen Briefe und Postkarten geschrieben von Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten, und in unterschiedlichen politischen Systemen in Gefangenschaft waren oder sind. Wir möchten über die Texte sprechen und quellenkritisch herausarbeiten, welche Aussagen wir daraus über die Schreibenden, ihre Stimmen, Beziehungen, ihre Haftsituation und ihre individuellen Handlungsspielräume in den jeweiligen Systemen ableiten können. Es soll auch um die Grenzen der Quellengattung gehen und darum, was jeweils unbeantwortet und unsichtbar bleibt. Wir tauschen uns über die Ansätze und Methoden aus, mit denen wir uns den Zeugnissen annähern und sie analysieren und diskutieren Möglichkeiten, wie sie sich für Nachkommen der damaligen Adressat*innen und die Öffentlichkeit aufbereiten lassen könnten.
Ziel der Veranstaltung ist es, einen fach- und epochenübergreifenden Dialog über diese besondere Quellengattung und ihre Erforschung zu eröffnen. Der Workshop bringt Perspektiven aus Sozialwissenschaften, Kriminologie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Archivwesen, Rechtswissenschaft und Gedenkstättenarbeit zusammen. Forschende treffen sich, um ihre Zugänge vorzustellen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede auszuloten, methodische und ethische Herausforderungen zu diskutieren sowie aktuelle Forschungsfragen miteinander zu verbinden.
Der zeitliche Bogen der Projekte spannt sich über mehr als zwei Jahrhunderte bis in die Gegenwart und betrifft folgende Schriftzeugnisse aus Gefangenschaft:
1. Briefe, die von britischen Strafgefangenen während eines Sträflingstransports nach Australien 1803 geschrieben wurden,
2. Abschiedsbriefe von Menschen, die die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis München-Stadelheim hinrichteten,
3. Schreiben von deportierten und zum Tod verurteilten Menschen, die in Ghettos und Konzentrationslagern während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft entstanden,
4. Briefe aus dem Strafvollzug des 20. Jahrhunderts und bis in die Gegenwart.
Die Quellen entstanden somit in sehr unterschiedlichen historischen, rechtlichen, sozialen und politischen Kontexten. Gerade deshalb ist eine differenzierende Betrachtung wichtig: Gefangenschaft, Deportation, Verfolgung und Strafvollzug in unterschiedlichen politischen Systemen dürfen nicht gleichgesetzt werden. Zugleich eröffnen die Quellen die Möglichkeit, dass wir sie gemeinsam multiperspektivisch beleuchten und nach geschlechtsspezifischen und rassifizierten Erfahrungsräumen, politischen- und systemischen Machtverhältnissen, Unrechtserfahrungen, Kommunikationsbedingungen, Menschenrechten, familiären und freundschaftlichen Beziehungen und Formen von Handlungsfähigkeit unter Zwang befragen.
Der Workshop dient dem inhaltlichen und methodischen Austausch sowie der Vernetzung. Es geht um Fragen der Rechtsgeschichte, der Provenienz-, Überlieferungs- und Archivgeschichte, der Nachkommenschaft, möglicher Restitutionsansprüche und des Umgangs mit neu aufgefundenem Archivgut sowie um Möglichkeiten und Grenzen der damit zusammenhängenden Öffentlichkeitsarbeit. Weitere Themen sind demnach Zugangsbedingungen für Öffentlichkeit und Forschung, Schutzinteressen betroffener Personen und ihrer Angehörigen sowie die Verantwortung von Archiven, Gedenkstätten und Forschenden im Umgang mit persönlichen Zeugnissen aus Gewalt- und Unrechtskontexten.
Aufbauend auf dem Workshop soll ein langfristiger Forschungsdialog entstehen. Geplant sind weitere gemeinsame Veranstaltungen und Kooperationen, die die Erforschung von Briefen und Postkarten aus Kontexten der Gefangenschaft fachübergreifend weiterentwickeln.
Der Workshop beginnt um 10 Uhr und endet um 17 Uhr mit anschließendem gemeinsamen Abendessen in Bremen.
Für den Workshop sind noch zwei Plätze verfügbar. Melden Sie sich bei Interesse an der Teilnahme mit einer kurzen Begründung bei: l.haasis@dsm.museum
Programm
10:00–12:30 Uhr: Vorstellung der Projekte und gemeinsame Sondierung inhaltlicher Überschneidungen sowie gemeinsamer Themen, Fragestellungen und Herausforderungen
12:30–14:00 Uhr: Mittagessen
14:00-15:30 Uhr: Vorstellung der Methoden und gemeinsame Sondierung ähnlicher Arbeitsweisen und Herausforderungen
15:30-16:00 Uhr: Kaffeepause
16:00-17:00 Uhr: Abschluss und Diskussion von Möglichkeiten der Fortsetzungen
Als Format des offenen Austauschs wird das Programm vor Ort und im gemeinsamen Austausch weiter konkretisiert und angepasst.
Teilnehmende (nach Alphabet)
Kim Dresel, Historikerin und Archivarin bei den Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution, Projekt #lostwords
Christine Graebsch, Hochschullehrerin für Recht der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Dortmund, Leitung des Strafvollzugsarchivs
Lucas Haasis, Historiker am Deutschen Schifffahrtsmuseum, Gerda-Henkel-Forschungsstipendiat, Projekt Die Briefe der Sträflinge. Überleben an Bord der Calcutta 1803
Romy Heße, Sozialwissenschaftlerin, Kriminologin und Doktorandin an der Fachhochschule Dortmund
Johanna Schmied, Historikerin, Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, Projekt denk.mal Hannoverscher Bahnhof
Bian Sukrow, Literaturwissenschaftler:in und Leitung des Fachbereichs Clinical Legal Education an der Bucerius Law School Hamburg
Marlen Wernecke, Historikerin und Doktorandin an der Universität Kassel, Dissertationsprojekt zu Frauenstrafvollzug aus vergleichend deutsch-französischer Perspektive nach 1945
