Tagebuch der METEOR transkribiert

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Tagebuch der METEOR transkribiert

06.04.2020

Bei der Deutschen Atlantischen Expedition kam es im August 1926 zur Katastrophe: Der wissenschaftliche Leiter dieser Expedition, Professor Alfred Merz, starb nach kurzer Krankheit in Buenos Aires. Unter seinem Kommando untersuchten und vermaßen Forscher an Bord der METEOR seit dem 16. April 1925 den Atlantik zwischen Südamerika und Afrika. Aus der Not heraus übernahm der Kapitän der METEOR, Fritz Spiess, die Leitung der Expedition. Sein Tagebuch, in dem er diese dramatische Zeit dokumentiert hat, wird im Deutschen Schifffahrtsmuseum / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte (DSM) bewahrt. Nun ist das mehr als 800 Seiten umfassenden Tagebuchs dank der Unterstützung des Fördervereins Deutsches Schiffahrtsmuseum transkribiert worden.

Der Tod des Expeditionsleiters war für die Teilnehmer menschlich wie fachlich erschütternd: Alfred Merz hatte die Expedition nicht nur initiiert, sondern auch jahrelang geplant. Fregattenkapitän Fritz Spiess führte die Expedition dennoch mit Erfolg fort. Als die METEOR im Juni 1927 nach 777 Tagen auf dem Atlantik wieder in Wilhelmshaven einlief, brachte das Forschungsschiff beachtliche Ergebnisse mit. Diese ermöglichten unter anderem eine viel genauere Kartierung des Atlantikbodens. Die Auswertung der Ergebnisse beschäftigte Forscher noch bis in die 1960er Jahre.

Das Tagebuch des Kapitäns hat einen besonderen Stellenwert in der Sammlung des DSM: "Es ist eines unserer Highlights im Bereich der Forschungsschifffahrt", sagt Dr. Martin Weiss, Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum. Kaum irgendwo anders werde ein so deutlicher und nuancierter Einblick in das Leben an Bord eines Forschungsschiffs des frühen 20. Jahrhunderts ermöglicht. Solche Tagebücher mit Bezug zur Meeresforschung sind laut Weiss auch international rar. "Man kann fast den hohen Seegang nachempfinden, wenn Spiess‘ Handschrift unleserlich wird", sagt er. Mitunter dürfte die etwas zittrige Handschrift aber auch auf feucht-fröhliche Zusammenkünfte an Bord zurückzuführen gewesen sein: "Abends feiern wir im Laboratorium die Rekordgrundprobe mit einem durchaus chemischen Glühwein. Gemütlich, Raum ist in der kleinsten Hütte!" notiert Spiess. Aber auch die dramatischen Seiten der Expedition werden geschildert. So mag man sich kaum vorstellen, welche Strapazen der schwerkranke Expeditionsleiter Merz erlitt, als das Schiff wegen starken Windes nicht schnell genug vorankam, um ihn in einen Hafen zu bringen und rechtzeitig einer Krankenhaus-Behandlung zuzuführen. Deutlich wird auch immer wieder Spiess‘ deutschnationale Haltung, und wie sehr er die Beteiligung der Marine an der Forschungsexpedition genießt und betont. 

Spiess schildert das Leben an Bord und auf Reisen plastisch. Zum Beispiel berichtet er, wie der Ozeanograph und spätere Hochschullehrer Georg Wüst ganze Beethoven-Sonaten spielte und schimpft über die Jazzmusik Südamerikas.

Unter Forschungsgesichtspunkten ist das Tagebuch jedoch vor allem deshalb interessant, weil Spiess‘ spätere Veröffentlichungen zur Expedition offenbar zu großen Teilen auf diesen Aufzeichnungen basierten. Fast alle historischen Bewertungen der Expedition berufen sich wiederum auf Spiess‘ Veröffentlichungen. Weitere Quellen zur Forschungsreise kamen 2017 während der wissenschaftlichen Begleitung des Theaterprojekts "METEOR" der Theatergruppe "Das letzte Kleinod" durch das DSM ans Licht.

Eine Hürde für die bisherige Forschung sei die schlechte Lesbarkeit von Spiess‘ Handschrift gewesen. Deshalb initiierte Weiss die zeitaufwändige Transkription des vierbändigen, mehr als 800 Seiten umfassenden Tagebuchs. Mit Unterstützung des Fördervereins konnte er für diese Aufgabe den Historiker und Polarforscher Dr. Reinhard Krause gewinnen.

Martin Weiss freut sich nun vor allem darüber, dass das Tagebuch dank der Transkription nicht nur für die Forschung leichter zugänglich wird, sondern nun auch in der zukünftigen Ausstellung des DSM zur Forschungsschifffahrt besser präsentiert werden kann. Obwohl Spiess schlecht lesbar schrieb, zeichnete er umso besser – etwa Karikaturen der Würdenträger verschiedener angelaufener Häfen. Auch deshalb, so Weiss, lohne sich der Blick in das Tagebuch.

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Fritz Spiess und Alfred Merz (im Vordergrund) mit weiteren Besatzungsmitgliedern

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