Streifenlichtscan
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Pionierarbeit für die Ausstellung der Zukunft

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Pionierarbeit für die Ausstellung der Zukunft

30.03.2020

Viele Schiffsmodelle aus dem Bestand des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte könnten bald im Internet zu sehen sein – zu jeder Zeit, kostenlos und in aller Welt. DSM-Mitarbeiter Dr. Dennis Niewerth widmet sich seit 2017 an der Digitalisierung des Museumsbestands. Dabei muss viel Pionierarbeit geleistet werden, denn das Feld ist bisher wenig erschlossen. Dennis Niewerth beschäftigt sich seit zehn Jahren mit der Digitalisierung von Museen und hat auch seine Doktorarbeit dazu veröffentlicht. Er sieht in dem Vorgang keine Gefahr, sondern eine Chance für Museen.

 Von jeder Seite lässt sich das Halbmodell des Dienstfahrzeugs MÖVE ansehen. Es kann gedreht und gewendet, aus der Nähe und der Distanz untersucht werden. Ganz so, als halte der Betrachter es in der Hand. Nur ist es ein digitales Abbild des Modells auf einem Bildschirm. Dennis Niewerth hat es mit Hilfe von Studenten der Hochschule Bremerhaven erstellt. Rund 90 Fotos aus allen möglichen Blickwinkeln mussten von dem Halbmodell gemacht werden. „Die Fotoserien speisen wir in eine Software ein. Ein Großteil der Arbeit wird am Computer gemacht“, sagt Niewerth. Vier bis acht Stunden dauert es, ein Modell zu digitalisieren. Die Technik nennt sich Photogrammetrie.

Mehr als 60 der Halbmodelle aus dem Bestand des DSM sind auf diese Weise bereits digitalisiert worden. Halbmodelle zeigen die Hälfte des Rumpfs eines Schiffes. Sie dienten auf Werften als Hilfsmittel zum Bau von Booten und Schiffen. Benötigt werden für die Photogrammetrie eine hochwertige Spiegelreflexkamera, ein Raum mit sehr gleichmäßigen Lichtbedingungen und das Programm Agisoft Metashape. Das Programm berechnet aus den Fotos die physikalische Form und das Aussehen der Oberfläche jedes Objekts. „Problematisch sind die Rückseiten der Halbmodelle. Das Programm findet hier nicht ausreichend prägnante Merkmale, um die mit der Vorderseite zusammenzubringen“, sagt Dennis Niewerth. „Hier arbeitet unsere studentische Hilfskraft Tobias Fiedler deshalb händisch an jedem einzelnen Modell nach.“

Die Photogrammetrie ist nicht die einzige Möglichkeit, mit der diese Modelle digitalisiert werden können. Dennis Niewerth und seine studentischen Hilfskräfte konnten zum Beispiel einen Computertomografen der Universität Bremen dafür ausprobieren. Außerdem stand ihnen kurzzeitig ein sogenannter Streiflichtscanner zur Verfügung. Damit tastete Dennis Niewerth ein Modell des Walfängers RAU IX von allen Seiten ab. Mehr als zehn Millionen Dreiecke berechnete das Programm für das digitale Modell des Schiffs. „Der zur Verfügung gestellte Laptop für den Streiflichtscanner hatte nur 32 Gigabyte Arbeitsspeicher. Die reichte nicht für eine völlig lückenlose Erfassung“, sagt Dennis Niewerth. „Schiffsmodelle sind ein Anwendungsfall, den die Hersteller solcher Geräte typischerweise nicht auf dem Schirm haben. Die industriellen Abnehmer wollen meist sehr viel einfachere Werkstücke erfassen. Mit ihren vielen kleinen Details sind unsere Modelle ein regelrechter Stresstest für die Technik.“

Das Projekt zur Digitalisierung ist in gewisser Weise Pionierarbeit. „Wir sind nicht die ersten, die Schiffsmodelle digitalisieren“, sagt der Wissenschaftler – aber die ersten, die es systematisch als umfangreiches Projekt angehen. Die 3D-Modelle sollen später für die Website des Museums und für die Ausstellung genutzt werden. Im Internet sollen die Modelle in allen gängigen Browsern ohne zusätzliche Programme betrachtet werden können – von PC, Tablet oder Smartphone. Die Software hierfür entsteht in enger Zusammenarbeit mit den Informatikern der Hochschule Bremerhaven.

Dennis Niewerth versteht die Digitalisierung von Ausstellungsobjekten als eine Chance für die Museen. Andere Fachleute sehen die Gefahr, dass Gäste durch ein umfangreiches Online-Angebot nicht mehr ins Museum gehen würden. „Die Gefahr ist weitgehend herbeigeschrieben. Die Besucherforschung deutet darauf hin, dass ein gutes digitales Angebot die Leute eher ins Museum zu bringen scheint“, sagt er. Die klassischen Exponate in Ausstellungen ließen sich darüber hinaus mit digitalen Exponaten verknüpfen, was ganz neue Möglichkeiten schaffe. Zu sehen ist das etwa in der aktuellen Sonderausstellung „360° POLARSTERN – eine virtuelle Forschungsexpedition“ im DSM, die sowohl auf klassische Exponate als auch auf Virtual- und Augmented-Reality baut.

Der promovierte Medienwissenschaftler hat an der Ruhr-Universität in Bochum studiert und befasst sich bereits seit 2009 mit der Virtualisierung von Museen. „Das Thema ist nicht nur spannend und in meiner Interessenlage, es hat auch praktische Anknüpfungspunkte“, sagt er. 2016 schrieb Dennis Niewerth seine Doktorarbeit, die inzwischen unter dem Titel „Dinge, Nutzer, Netze – von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen“ in Buchform und im digitalen Open Access erschienen ist.

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