Zu sehen ist ein schwarz-weiß-Foto mit einem großen hölzernen Container auf einem Lastwagen-Anhänger. Er steht abgestellt auf einer Kopfsteinpflaster-Straße vor Fachwerkhäusern. Mehrere Männer stehen an, ein Mann liegt auf dem Container und hantieren scheinbar am Verschluss. Auf der Seite des Containers ist „771 Montevideo“ aufgedruckt.
Zu sehen ist ein schwarz-weiß-Foto mit einem großen hölzernen Container auf einem Lastwagen-Anhänger. Er steht abgestellt auf einer Kopfsteinpflaster-Straße vor Fachwerkhäusern. Mehrere Männer stehen an, ein Mann liegt auf dem Container und hantieren scheinbar am Verschluss. Auf der Seite des Containers ist „771 Montevideo“ aufgedruckt.

Forschungsprojekte

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Übersiedlungsgut beschlagnahmt in Bremer Häfen

Ab 1940 wurde in Bremen Liftvans mit Übersiedlungsgut jüdischer Emigranten im Auftrag des NS-Regimes beschlagnahmt und deren Inhalt öffentlich meistbietend versteigert. Wir versuchen den Verbleib der Güter zu klären.

Direkt aus den Zwischenergebnissen der seit 2017 am DSM begonnen Untersuchungen zu einzelnen Objekten des Sammlungsbestandes hinsichtlich ihrer Provenienzen (Herkunft), hat sich ein weiteres, besonders für den Norddeutschen und Bremer Raum wichtiges Forschungsprojekt entwickelt: „Der Umgang mit Übersiedlungsgut jüdischer Emigranten in Bremen nach 1939: Beteiligte, Netzwerke und Wege der Verwertung“. Ziel ist hierbei die Rekonstruktion des Weges von etwa 1.000 mit Umzugsgut gefüllten Kisten (auch Liftvans genannt), die bis dato auf Frachtschiffen ab Bremen ins Ausland gebucht waren. Aufgrund des Kriegsausbruchs liefen ab 1. September 1939 keine Schiffe mehr aus Bremen aus, und die Lifts verblieben in Lagerstätten im Hafen. Eigentümer des Inhalts dieser Übersiedlungskisten waren jüdische Deutsche, die vor den immer stärker zunehmenden Bedrohungen der Nationalsozialisten aus dem Deutschen Reich emigrieren wollten.

 

Beschlagnahme der Lifts und „Verwertung“ des Umzugsguts durch das NS-Regime

Ende 1940 begann sich die Gestapo für die in den Häfen lagernden Umzugsgüter der jüdischen Auswanderer zu interessieren, um auch diese Werte dem Deutschen Reich zuzuführen. Es folgte die Beschlagnahmung und Öffnung aller Lifts und anschließend die öffentliche Versteigerung des Inhalts im Auftrag der Oberfinanzdirektion Bremen. Über die Auktionen haben diese Hausrat- und Wertgegenstände ihren Weg in viele private Häuser und Wohnungen gefunden, wo sie sich möglicherweise noch heute befinden. Aber auch in die Ämter und Museen Bremens und Niedersachsens wurden die ersteigerten Güter getragen. Die Geschichte hinter manch schönem Schrank, einem Bild oder eines geschnitzten Lehnstuhls beginnt möglicherweise auf einer „Versteigerung jüdischen Auswandererguts“ - so wurden diese Auktionen damals in der Zeitung beworben – in Bremen im Jahr 1942.

Erfolglose Suche nach dem Übersiedlungsgut und Wiedergutmachung

Nach dem Krieg begann die Suche der Eigentümer bzw. ihrer Nachfahren nach ihrem Hab und Gut. Zuerst nahm die alliierte Militärregierung die Recherchen auf, und begann die Abläufe zu rekonstruieren: die Transporte, die Enteignungen, die Beschlagnahmen und die daran Beteiligten. Anschließend führten die zuständigen Behörden der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland diese Suche fort.

Fast keine Inhalte der Liftvans waren mehr auffindbar, und doch haben manche Familien über Jahre versucht, an ihre Besitztümer, die ihnen lieb und teuer waren, heranzukommen. Die wenigsten von ihnen hatten dabei Erfolg. Nach oftmals langwierigen und demütigenden Anspruchstellungen auf Rückerstattung bei deutschen Behörden ließen sich viele Antragsteller auf eine geringe Entschädigungssumme ein. Ihre Familienerbstücke bekamen sie jedoch nie zurück. In den Wiedergutmachungs- und Entschädigungsakten der 1950er und 1960er Jahre kann man die Schicksale einiger dieser Menschen und ihres Eigentums herauslesen.

 

Vom Eigentümer zum Käufer – Versuch der Rekonstruktion

Ziel des Projektes ist es, den Weg des Übersiedlungsgutes jüdischer Emigranten vom Verlassen des Hauses des Eigentümers bis hin zum Käufer nachvollziehen zu können, um somit die Grundlage für die Auffindung und Restitution der verschollenen Objekte zu ermöglichen.

Das Forschungsprojekt ist in der Abteilung für Provenienzforschung am Deutschen Schifffahrtsmuseum angesiedelt. Die Provenienzforschung befasst sich mit der Herkunftserforschung von Kulturgut. Finanziert und gefördert wird das Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg. Ein Hauptanliegen des Zentrums ist es, die Suche nach im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz, zu fördern. Das Projekt steht ferner in enger Kooperation mit dem Staatsarchiv Bremen und der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen.

 

Team:

Dr. Kathrin Kleibl (Projektleitung) kleibl@dsm.museum

Susanne Kiel (Ansprechpartnerin) kiel@dsm.museum

 

Bildnachweis

Das Titelbild "Umzugslift der Familie Wolff, Dannenberg 1938" wurde uns freundlicherweise vom Stadtarchiv Dannenberg (Elbe) zur Verfügung gestellt.

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Provenienzforschung

Das DSM überprüft seit 2017 systematisch seine Sammlung auf die Provenienz (Herkunft) der Kulturgüter. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstützt das Projekt.

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