Exponate

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Das Klein-U-Boot SEEHUND – Faszination und Schrecken

Das Klein-U-Boot Typ XXVII wurde im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. Entdecken Sie in unserer Ausstellung die Hintergründe für Faszination und Schrecken des SEEHUND.

„Vom SEEHUND ist jetzt bekannt, dass es sich um den Uboot-Typ XXVII handelt (manchmal auch Typ 127 genannt). Im Unterschied zum BIBER ist er wohl durchkonstruiert und ausgerüstet. Es gibt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen SEEHUND und den vorgefertigten Uboot-Typen XXI und XXIII, und es scheint, dass er eine Miniaturausführung des letzten ist.“ Klaus Mattes, Historiker und Experte für Klein-U-Boote, zitiert hier einen britischen Geheimdienstbericht vom Februar 1945. Zu diesem Zeitpunkt waren schon mehrere Einsätze der „Seehunde“ durchgeführt worden.
Ab dem Sommer 1943 sah das Marine-Oberkommando im Aufbau einer Flotte von sogenannten Kleinkampfmitteln ein letztes Mittel, um im Seekrieg die alliierten Nachschubwege zu stören und den Kriegsverlauf zu wenden.

Die Flottenentwicklung des Deutschen Reiches hatte sich zunächst, dem Zeitgeist entsprechend, auf den Bau von Großkampfschiffen konzentriert. Erst als im Zuge des Krieges die großen Schlachtschiffe vernichtet und die regulären U-Boote nach der Entschlüsselung des Enigma-Codes leicht aufspürbar waren, setzte ein Umdenken ein. Eine Waffe wurde entwickelt, die das Ziel hatte Schrecken zu verbreiten. Aufgrund ihrer Größe waren die kleinen U-Boote kaum auf dem Radar zu erkennen und sollten so die Versorgungsschiffe im Ärmelkanal überraschend versenken. Die Guerillataktik hätte die Angriffskräfte der Alliierten in Verteidigungskämpfen gebunden und den Druck auf die Kampfverbände an der Front gelindert. Doch entwickelte sich die Lage in der Praxis anders als in der Theorie vorgestellt. Um den ersten Einsatz treffend zu charakterisieren, lässt Klaus Mattes einen der U-Boot-Fahrer berichten.
„Am 1. Januar 1945 wurde die 1. Seehund-Flottille mit 18 Booten gegen den feindlichen Nachschub in den Gewässern vor der Scheldemündung eingesetzt. Es war die erste Feindfahrt der Seehunde. Nur zwei Boote kamen zurück. Eines davon war unser Boot.“

 

War der späte Produktionsstart Ursache für die Katastrophen im U-Boot-Krieg? 

Was war passiert? Naheliegend wäre die Konstruktion der Klein-U-Boote als Ursache der Verluste zu benennen. Die Überlegung, kleinere U-Boote zu entwickeln, war schon lange vor dem Krieg und nicht nur in Deutschland angestellt worden. Das erste U-Boot – der BRANDTAUCHER, in den 1850er-Jahren von Wilhelm Bauer entwickelt – kann ebenso als erstes Klein-U-Boot gelten. Doch verfolgte man im Deutschen Reich die Entwicklung solcher U-Boot-Typen nicht weiter. In Großbritannien hingegen schon. Zwei Klein-U-Boote der Royal Navy beschädigten durch das Anbringen von Minen das 50.000-Tonnen-Schlachtschiff TIRPITZ so schwer, dass es während des Krieges nicht mehr eingesetzt werden konnte. Die deutsche Produktion von ähnlichen kleinen U-Booten setzte darauffolgend ein. Es wurden mit Decknamen wie BIBER, MOLCH oder HECHT versehene Typen konstruiert. Die Schwierigkeit für die Ingenieure des Konstruktionsamtes der Kriegsmarine bestand darin, die Technik für ein erfolgreiches Tauchen und Kämpfen, welche sich in regulären U-Booten über einen größeren Raum erstreckte, auf einer viel kleineren Fläche unterzubringen. Doch war die räumliche Konzentration der Technik nicht die einzige Herausforderung für die Ingenieure.

 

Im SEEHUND wurde ein LKW-Dieselmotor eingebaut

Aufgrund der Schäden an den militärischen Produktionsstätten mussten die einzelnen U-Boot-Teile zum einen getrennt voneinander entwickelt werden und darüber hinaus Teile Verwendung finden, die vorrätig waren und nicht erst aufwändiger Entwicklung bedurften. So wurde im SEEHUND beispielsweise ein Dieselmotor verbaut, der eigentlich für LKWs gedacht war. Nichtsdestotrotz haben die Ingenieure des Marine-Konstruktionsamtes mit dem SEEHUND eine gut funktionierende Maschine entwickelt.
Dies lag unter anderem auch daran, dass durch das Testen vorheriger Modelle Schwachstellen ausgebessert werden konnten. Das Endergebnis war der SEEHUND, ein U-Boot für zwei Personen mit einem Diesel-Elektroantrieb, das drei Kammern umfasste. Da Funktionalität im Mittelpunkt stand, war für die Mannschaft nur eine Kammer vorgesehen. Der SEEHUND war damit zwar ein komplexes und ungemütliches, aber durchaus gut konstruiertes U-Boot.

 

Die Besatzung des Klein-U-Bootes litt an psychischer und physischer Überbelastung

Doch wenn die Technik nicht versagte – wie kann dann die katastrophale Niederlage der Klein-U-Boote in den ersten Einsatzmonaten erklärt werden? Neben der technischen muss hierzu die menschliche Komponente im Boot betrachtet werden. Der eben erwähnte Ingenieur sagt hierzu: „Ich nehme an, dass die meisten Unglücksfälle bei U-Booten – gemeint sind nicht die Verluste durch Feindeinwirkung – durch falsche Einschätzung der Lage und Bedienungsfehler verursacht werden. Ein U-Boot ist ein sensibles Fahrzeug […]. Es verzeiht keine Fehler […]!“ Betrachtet man die Zusammensetzung der Mannschaften, wird die Problematik klarer. Die eingesetzten Soldaten waren zwar alle Mitglieder der Marine und besaßen teilweise Erfahrung mit U-Booten. Doch aufgrund des fortgeschrittenen Krieges waren diese sehr jung. Hinzu kam die geringe Ausbildungszeit, die es zwar ermöglichte, die Funktionen des SEEHUNDs kennenzulernen, doch für eine vertiefte Ausbildung, geschweige denn den Aufbau eines profunden Erfahrungsschatzes, nicht ausreichte.

Gerade für dieses Klein-U-Boot waren jedoch exzellente Kenntnisse im Umgang mit den Maschinen unbedingt notwendig. Die Umstände zwangen die Marienleitung, hoch motivierte, aber im Umgang mit dem U-Boot unerfahrene Offiziere in den Einsatz zu schicken. Die winterliche See und die starke Präsenz der alliierten Flotte im Ärmelkanal verschärften die Situation für diese jungen Männer zusätzlich. Die tagelangen Einsätze in der Enge des U-Bootes, in dem Bewegung fast nicht möglich war, zerrte zusätzlich an den Nerven der Besatzung. Koffeinhaltige Schokolade und das Aufputschmittel Pervitin sollten Abhilfe schaffen, doch bewirkten die Substanzen oft das Gegenteil. Nach dem ersten Monat mit 43 Einsätzen war nahezu jeder dritte SEEHUND nicht vom Einsatz zurückgekehrt. Die Erfolge beliefen sich auf zwei versenkte Schiffe. Der Schrecken, den diese Waffe bringen sollte, richtete sich am Ende gegen die eigene Besatzung.

 

Das Klein-U-Boot SEEHUND wandelt sich zum Exponat des Schifffahrtsmuseems

Eines dieser Klein-U-Boote befindet sich heute in unserer Ausstellung. In den 1970er-Jahren wurde der betreffende Ausstellungsbereich eingerichtet. Gefunden wurde das Boot 1969 im Westhafen von Wilhelmshaven. Sporttaucher entdeckten nacheinander drei U-Boote, an denen noch die Torpedos montiert waren. Da sonst auch keine Kriegsschäden an den Booten zu entdecken gewesen waren und keine sterblichen Überreste gefunden wurden, ist davon auszugehen, dass die in Wilhelmshaven ansässige Kommandostelle die Kleinst-U-Boote versenken ließ, damit Sie den anrückenden alliierten Truppen nicht in die Hände fielen. Wie stark die Gezeiten den U-Booten zugesetzt hatten und ob es sich um vollständig zusammengesetzte U-Boote handelte, ist heute nur schwer zu ermitteln. Bei der Instandsetzung wurden jedoch Veränderungen am U-Boot vorgenommen, die das Boot „publikumsfreundlich“ machten. Der Turm erfuhr eine Umgestaltung, ein Sehrohr wurde eingesetzt und ein Auspuffrohr ergänzt. Ebenso schnitt die Firma Teile der Außenhülle aus, um durch Plexiglasscheiben einen Blick ins Innere zu ermöglichen. Es scheint so, als sollte durch die Veränderungsmaßnahmen dem Publikum ein U-Boot präsentiert werden, dass prototypisch wirkt und dessen technische Finesse einsehbar ist. Doch das U-Boot rief nicht nur Faszination bei den damaligen Besucher*innen aus. Wir wollen auf keinen Fall hier ein II. Weltkrieg-U-Boot in Bremerhaven aufgestellt sehen!“, schrieb ein Besucher 1984 in das Besucherbuch".

Faszination und Schrecken liegen bei diesem Ausstellungsobjekt sowohl in der Vergangenheit als auch heute noch sehr nahe beieinander. Die Herausforderung für die zukünftige Ausstellung wird darin bestehen, den Schrecken, den dieses Objekt im Zweiten Weltkrieg hervorgerufen hat, zu vermitteln und doch aufzuzeigen, worin die Faszination heute begründet liegt.

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