Hansekogge von 1380Deutsches Schiffahrtsmuseum

 Der Oberländer vom Rhein

 
Oberländer ist der Name eines mittelalterlichen Schiffstyps vom Rhein. Diese Schiffe hießen so, weil sie von den Oberländern – im Gegensatz zu den Niederländern am Niederrhein – gebaut und benutzt wurden.
 
In der Böschung einer Kiesgrube bei Krefeld tauchte im Januar 1973 ein Schiff auf. Die Grube war früher ein Altarm des Rheins. Das Schiff rutschte mit der Böschung ab, löste sich in seine Einzelteile auf und versank im Wasser. Taucher der Bundeswehr befestigten Trossen an den Hölzern, und mit Hilfe eines Lasters zogen und zerrten sie die schweren Einzelteile an Land. Der Schiffsarchäologe des Deutschen Schiffahrtsmuseums und sein Bootsbauer stellten die geborgenen Hölzer provisorisch zusammen und bekamen einen ersten Eindruck von der Form des Schiffs: Es war ein kleiner Oberländer.
 
Die wassergesättigten Schiffshölzer konservierten wir im Museum mit einer Zwei-Stufen-PEG-Behandlung. Die Tränkung der Hölzer dauerte fünf Jahre. Dann begann der Aufbau des Schiffs. In unserem Oberländer fehlen größere Stücke aus der Backbord-Seitenschale und aus der Bugplatte. Das Heckschott fehlt, ebenso fehlen die Seitenstützen – bis auf eine. Ihr oberes Ende verrät, dass auf den Seitenschalen jeweils ein Setzbord – eine senkrechte Planke – befestigt war. Die Dübellöcher in den Enden der Seitenschalen und der Bodenplanken zeigen eindeutig: Hier war das Heckschott angedübelt.
 
Fast alle Schiffshölzer waren angebrochen oder zerbrochen, als man sie fand. Wir verbanden die Bruchstücke mit hölzernen Dübeln. Verkeilte Dübel in den ursprünglichen Löchern halten die Bodenwrangen und auch die Seitenstützen. Die schweren Seitenschalen hatten sich in der heißen Konservierungslösung verzogen, wir mussten sie wieder in ihre alte Form bringen.
 
Wir halten die Schiffshölzer mit eisernen Spanten in ihrer ursprünglichen Lage. Mit dünneren Winkelleisten deuten wir an, wie das Schiff wahrscheinlich einmal ausgesehen hat.
 
Unseren kleinen Oberländer baute man vor 1000 Jahren wie folgt: Man höhlte eine dicke Eiche zu einem Einbaum mit offenem Heck aus. Dann sägte man den Einbaum der Länge nach in zwei gleiche Hälften und fügte zwei Bodenplanken und eine schräg nach vorn geneigte Bugplatte zwischen die Hälften.
Querliegende Bodenwrangen hielten die Teile zusammen, Spanten stützten Seitenschalen und Setzbord. Ein Schott aus mehreren Brettern schloss das Schiff achtern. Auf die Seitenschalen dübelte man oben eine Planke – ein Setzbord –, um das Fassungsvermögen des Schiffes zu vergrößern.
Beide Seitenschalen weisen den gleichen spiraligen Faserverlauf auf, einen sogenannten Drehwuchs. Die nahe liegende Vermutung, dass beide Schalen aus demselben Eichenstamm gearbeitet sind, bestätigte sich bei einem Vergleich der Jahrringmuster, der Abfolge von breiteren und schmaleren Jahrringen.
 
Wir wissen nicht, wie der Oberländer fortbewegt wurde. Rudern im Stehen scheint bei der Höhe der Reling am ehesten möglich zu sein. Dabei können die Ruderer entweder mit dem Rücken zur Fahrtrichtung stehen – wie auf den großen Oberländern in dem Bild von Anton Woensam von 1531 unten – oder sie können mit dem Blick nach vorn die Riemen stoßen – wie Gondoliere. Dieses ist eine in vielen Teilen der Welt verbreitete Technik.
40 Fässer Salzheringe oder 1200 große Ziegelsteine oder 10 Kühe konnte unser Oberländer tragen – falls man die alle an Bord bekommen hätte. Das Schiff hatte eine Tragfähigkeit von gut 4 Tonnen. Seine Verdrängung – sein Eigengewicht – betrug 1,5 Tonnen bei einem Tiefgang von nur etwa 25 cm. Voll beladen hatte der Oberländer 70 cm Tiefgang und einen Freibord von 30 cm.
 
Wir ließen den Oberländer datieren. Nach der C14-Methode wuchs das Holz zwischen 930 und 990 n. Chr. Rechnen wir ca. zehn Jahrringe für abgebeiltes Splintholz und vielleicht zehn Jahrringe, die beim Zurichten des Stammes verloren gingen, hinzu, dann wurde die Eiche zwischen 950 und 1010 n. Chr. gefällt. Einen Einbaum arbeitet man gleich nach dem Fällen aus dem saftfrischen Stamm, dann beißen Axt, Dechsel und Stecheisen viel besser als in trockenem Holz. Der Oberländer ist also wohl noch im Fälljahr der großen Eiche gebaut worden.
Vielleicht hat der Schiffer unseres Oberländers Kaiser Otto II. und Kaiserin Theophanu mit ihrem Hof auf dem Rhein vorübersegeln gesehen, auf dem Weg zu ihrer Stadt Mechelen an der Schelde.
 
Unser Oberländer ist der einzige, der erhalten geblieben ist. Wir kennen aber Bilder von anderen Oberländern:
 
 
Ein kleiner Oberländer ziert den Grabstein des Schiffers Blussus. Er lebte in der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. und wurde bei Mainz beerdigt. Sein Schiff hat das für alle Oberländer charakteristische hochgezogene Heck und eine schräge Bugplatte – man sieht ihre bogenförmige Oberkante vor der vorderen Reling. Der Steuermann steht erhöht und führt einen großen Steuerriemen. Ein zweiter Mann unterstützt ihn mit einem zusätzlichen Riemen am Vorschiff. Ruderer mit dem Rücken in Fahrtrichtung treiben das Schiff vorwärts. Eine Kopie des Grabsteins steht im Deutschen Schiffahrtsmuseum, im Koggehaus. Das Original gehört dem Rheinischen Landesmuseum in Mainz.
 
Archäologen entdeckten 1976 bei Mijnerswijk am Waal ein Schiff aus dem 13. Jahrhundert. Es gleicht unserem Oberländer bis in Details. Man darf daraus auf eine Schiffbautradition schließen, die sich über Jahrhunderte am Rhein entwickelt und gehalten hat. Wie weit sie im Mittelalter verbreitet war, können wir aber mit nur zwei Funden nicht sagen.
 
Kirche St. Kastor in Koblenz: Auf dem Schluss-Stein eines Gewölbes steuert Maria mit dem Kind auf dem Arm einen Oberländer. Ein Engel führt ein Ruder am Vorschiff, und der Heilige Geist – symbolisiert durch eine Taube – hat sich auf dem Heck niedergelassen. Die Darstellung ist eine Allegorie auf die Kirche als Schiff.
St. Kastor wurde 1499 vollendet.
 
Auf dieser Ansicht von Köln – hier nur ein Ausschnitt – sind zahlreiche Oberländer zu sehen. Es sind große Schiffe, die aus mehreren Planken gebaut sind und einen Mast haben. An langen Riemen arbeiten Ruderer. Nur bei genauem Hinsehen erkennt man die Verwandtschaft mit den viel kleineren archäologischen Schiffsfunden von Krefeld und Mijnerswijk: Die Rümpfe werden nach vorn schmaler und niedriger und enden in einer schrägen Bugplatte.
Der Stich stammt von 1531. Anton Woensam zeigt auf dem Rhein zwei verschiedene Schiffstypen: Oberländer und deutlich anders gebaute Schiffe vom niederländischen Typ. Diese haben einen fülligen Bug, der in einem Stevenbalken zusammenläuft, und einen vorn und achtern etwa gleich breiten und gleich hohen Rumpf.
 
 
Auf diesem Bild im Museum Simon van Gijn in Dordrecht hat Leendert de Koningh (1777-1849) einen der sicherlich letzten Oberländer auf dem Rhein festgehalten. Der Text auf dem Bild lautet: „... um den 30. Juli 1819 kamen mehr als 2000 Personen (Auswanderer) aus der Schweiz und lebten längere Zeit auf ihren Schiffen.“
Fotos: Egbert Laska, Per Hoffmann
Gemälde von Koningh: © Museum Simon van Gijn
Zeichnungen und Text: Per Hoffmann