Die Bremer Kogge von 1380


 
Die Kogge von 1380 ist das größte und das wichtigste Schiff unserer Mittelalterflotte. Niemand wußte, wie das berühmteste Schiff der Hansekaufleute genau aussah, ehe es in einem Hafenbecken in Bremen aus der Weser auftauchte. Die Bergung der Kogge und der Beschluss, sie zu konservieren und dann auszustellen, waren Anlass zur Gründung des Deutschen Schiffahrtsmuseums.Heute befahren drei Nachbauten der Kogge die Nord- und Ostsee, hier die UBENA VON BREMEN.
 
 
Ein großes hölzernes Wrack tauchte am 9. Oktober 1962 beim Ausbaggern eines Hafenbeckens in Bremen auf. Niemals hatte der Baggerführer ein seltsameres Schiff gesehen. Auch der herbeitelefonierte Historiker des Bremer Landesmuseums, Siegfried Fliedner, traute seinen Augen nicht: Dies war eine Sensation – eine Hansekogge. Er kannte Koggen von mittelalterlichen Stadtsiegeln, die – wie das Siegel von Elbing um 1350 – Schiffe mit genau denselben Merkmalen zeigen, die das Wrack im Sand der Uferböschung hatte: ein geräumiger Rumpf aus enorm breiten Planken in Klinkerbauweise, dazu vorn und achtern gerade Steven auf einer flachen Kielplanke und ein Achterkastell.
Mit großen Mühen gelang es Fliedner, Geld für die Rettung dieses einmaligen Schiffsfundes zu beschaffen.

 
Eine Bergung des Schiffes im Ganzen war nicht möglich. Berührte Fliedner Eisennägel und Holzdübel an der Bordwand, fielen sie ihm in die Hand. Die Schiffshölzer hielten nicht mehr zusammen.
Er ließ alle Balken und Planken, die bei Ebbe aus der Weser ragten, nummerieren und vermessen. Ein Helmtaucher holte sie einzeln heraus. Der Taucher konnte im trüben Weserwasser nur tasten. Schwere Teile hob ein Schwimmkran auf einen Ponton. Der erste Eisgang auf der Weser kam 1962 schon im Dezember. Doch da lagen die meisten Hölzer schon in einem Hafenschuppen in vielen großen Wasserbecken.

 
Zwei Jahre später, 1965, stand Fliedner vier Wochen lang auf der Brücke des Taucherglocken-schiffs CARL STRAAT. Unten in der Taucherglocke auf dem Grund der Weser suchte seine Kollegin Rosemarie Pohl-Weber mit Männern der Besatzung das Flussbett nach weiteren Teilen der Kogge ab.
 
Sie durchsuchten eine Fläche von 1400 m² aus Schlick und Sand bis in 5 Meter Tiefe – der Kapitän setzte die Glocke 274 mal um.
 
Der Aufbau der Bremer Kogge dauerte sieben Jahre. Zu Anfang breiteten Holzschiffbauer Werner Lahn und seine Helfer die Teile des Puzzles in der Koggehalle aus. 
 
Ein Binnenschiff hatte die 45 Tonnen Koggehölzer oder 2000 Holzteile die Weser hinab in das Deutsche Schiffahrtsmuseum nach Bremerhaven gebracht.
 
Mehrere Rasensprenger hielten die Koggehölzer nass, damit sie nicht trockneten und dabei schrumpften. Düsen unter der Decke der Halle versprühten künstlichen Nebel.
 
Die wassergesättigten großen Hölzer waren außerordentlich schwer. Nur mit einem fahrbaren und leicht manövrierfähigen Kran konnten die Schiffbauer sie bewegen und in die wachsende Kogge einpassen.
 
Die Arbeit von Leitern und Baugerüsten aus war mühevoll. Die Männer litten unter Erkältungen und Rheuma, denn die Luftfeuchtigkeit in der Koggehalle lag bei 97%.
 
Manche Bruchstücke von Planken konnte Werner Lahn erst nach langem Betrachten und wiederholtem Probieren an ihre richtige Stelle im Schiff bringen.
Er war immer davon überzeugt, „dass sich die Differenz der wieder aufgebauten Kogge gegenüber dem Koggebau von 1380 nur im Millimeter-Bereich bewegt.“
 
Die Bremer Kogge war ein ungewöhnlich großer archäologischer Fund aus nassem Holz. Seit Archäologen hölzerne Gegenstände vergangener Zeiten aus Mooren, Seen und Flüssen ausgraben, haben sie erfahren müssen, dass nasses Holz an der Luft schrumpft, sich verwirft und reißt, selbst wenn es gut erhalten ist und nicht verändert zu sein scheint.
 
Zwei Bootsmodelle aus nassem archäologischem Holz: Das linke ist ohne Konservierung getrocknet, das rechte nach einem Tränkbad in Polyethylenglykol.
Stahlbauer schieben die Bodenplatten des Konservierungsbeckens unter die Kogge.
Für die Kogge haben wir ein neues Konservierungsverfahren entwickelt. Es besteht aus zwei Tauchbädern: Zuerst kam die Kogge in ein Bad mit PEG 200, danach in ein Bad mit PEG 3000.
 
Das Becken in Zahlen: 800 000 Liter Inhalt, 110 t Stahl, davon 37 t Edelstahl, 11,5 cm Stärke der Sichtscheiben, durch die Museumsbesucher die Kogge in ihrem Becken sehen konnten.
 
Im Laderaum der Kogge:
Das erste Bad ist abgepumpt.
 
13 Tanklaster brachten im Winter 1995/96 je 20 Tonnen 100 °C heißes, geschmolzenes PEG 3000 von der Fabrik in Bayern in das Deutsche Schiffahrtsmuseum an der Weser. Im Museum setzen wir Wasser zu: Die heiße Mischung für das zweite Tauchbad sollte 60%ig werden.
 
1999 ist die Konservierung beendet – nach 19 Jahren.
Die Kogge sieht aus wie ein Schiff in der Arktis.
 
Nach dem zweiten Bad:
Die Bodenplanken sind gefährlich glatt.
 
Stahlarbeiter der Motorenwerke Bremerhaven zerschnitten das Konservierungsbecken in handliche Stücke. Dabei durften weder Stahlteile noch glühende Stahltropfen von den Plasmabrennern auf das kostbare Koggeholz fallen.
 
Mit Spateln und Messern, Dampfstrahler, Heißluftföhn und Schwämmen entfernten wir das überschüssige PEG.
 
Wir spannten neue Stahlstangen ein.
Die Bremer Kogge ist ein besonders großes und weitgehend erhaltenes Schiff aus dem Mittelalter. Sie 23,27 m lang, 7,62 m breit und bis zur Winde auf dem Kastelldeck 7,02 m hoch. Ihre Laderaumgröße beträgt etwa 160 m³.
Seit die Kogge wieder aufgebaut und wissenschaftlich beschrieben ist, haben Archäologen in Nordeuropa etwa zwanzig Überreste von Schiffen als ehemalige Koggen identifizieren können. Die Bremer Kogge ist die vollständigste und bis jetzt die einzige, die Museumsbesucher besichtigen können.
 
Im Deutschen Schiffahrtsmuseum bereiten wir ein kleines Forschungsprojekt vor: Wir wollen zeitgenössische Darstellungen von Koggen – abgesehen von den Siegelbildern – sammeln und untersuchen, in welchen Zusammenhängen die Koggen gezeigt wurden. Bei orientierenden Recherchen fanden wir bislang Koggen in Darstellungen der Olavslegende, der Wettfahrt der Brüder Harald und Olav um die Krone Norwegens, und in Darstellungen des Heiligen Nikolaus, Schutzheiliger der Seeleute.
 

 
Fotos: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Hans-Jürgen Darlison,
Gabriele Hoffmann, Per Hoffmann, Egbert Laska
Text: Per Hoffmann
Redaktion: Gabriele Hoffmann und Erik Hoops
Bücher zum Schiff:
 
Gabriele Hoffmann / Uwe Schnall (Hrsg.)
Die Kogge – Sternstunde der deutschen Schiffsarchäologie
Schriften des DSM, Band 60
Hamburg: Convent Verlag 2003
288 S., 364 Abb., meist farbig, in Kunstleinen gebunden
EUR 39,90   ISBN 978-3-934613-50-8
Wissenschaftler werfen spannende Schlaglichter auf eine aufregende, farbige Zeit, auf das ausgehende 14. Jahrhundert, als die Städte wuchsen, die Reichen und Mächtigen nach Pracht und Luxus gierten, nach Bauholz für Kriegsschiffe und Waffen für den Kampf, und die Vielen darauf sehen mußten, ausreichend Brotgetreide, Fisch und Bier zu bekommen. Die Koggen der Hansen bedienten sie alle.Experten verschiedenster Fächer haben sich die Kogge vorgenommen. Herausgekommen sind
neue Vorstellungen vom Wissen und Können mittelalterlicher Schiffbauer, von den Segeleigenschaften und der Leistungsfähigkeit ihrer Koggen, von Navigation und Alltagsleben an Bord,
Bilder vom Fluß und der Stadt, von Konflikten und Kämpfen der Kaufleute um Geld, Macht und Einfluß,
Informationen über Handelsrouten, über Luxusgüter und Massenfrachten und, als große Besonderheiten,
jahrhundertealte Bilder von Koggen in Kirchen und Büchern und sensationelle Momentaufnahmen aus dem Innern des Koggeholzes mit modernsten Rasterelektronenmikroskopen.
INHALTSVERZEICHNIS




VORWORT
8
Wie dieses Buch entstand
     
1. TEIL
10
SEGELN MIT KOGGEN
PER HOFFMANN
12
Ein Schiff mit vielen Gesichtern
ALBRECHT SAUER
18
Segeln mit einem Rahsegel
UWE SCHNALL
34
Navigation nach Sicht und Sand
     
2. TEIL
42
GESCHICHTE EINES FUNDES
SIEGFRIED FLIEDNER
44
Ein Jahrhundertfund in der Weser
ROSEMARIE POHL-WEBER
52
Unterwasserarchäologie im Strom
GABRIELE HOFFMANN
60
Was nicht in den Berichten steht
MICHAEL SCHIRMER
64
Den Fluß hinab und zur See – Weserfahrt vor 600 Jahren
WERNER LAHN
66
Eine Kogge-Werft im 20. Jahrhundert
WOLF-DIETER HOHEISEL
73
Die Kogge hängt
     
3. TEIL
76
 NATURWISSENSCHAFTLER ZUR KOGGE
PER HOFFMANN
78
I. Die Konservierung der Bremer Kogge
PER HOFFMANN
106
II. Das Konservierungslabor – Forschung und Service
CHARLOTTE BJÖRDAL
114
Bakterien in der Kogge
ROLAND W. ANIOL
140
Was die Kogge mitbrachte:
  Die Eisenteile
GÜTHA KLONK
146
  Der Schuh
PER HOFFMANN
150
  Das Faß und der Teer
PETER KLEIN
154
Dendrochronologie – die Kogge und die Kunst
     
4. TEIL
160
GEISTESWISSENSCHAFTLER ZUR KOGGE
DETLEV ELLMERS
162
Alltag auf Koggen – nach Bildern, Funden und Texten
GABRIELE HOFFMANN
194
Handelswaren und Hansekontore
KONRAD ELMSHÄUSER
206
Bremen und seine Kaufleute – Konflikte und Kämpfe
MANFRED RECH
234
Der Archäologe und die Stadt – Bremen um 1380
GABRIELE HOFFMANN
250
Jagd nach Koggen
     
5. TEIL
254
DER SCHIFFSTYP KOGGE
OLE CRUMLIN-PEDERSEN
256
Die Bremer Kogge – ein Schlüssel zur Geschichte des Schiffbaus im Mittelalter
GABRIELE HOFFMANN
UND UWE SCHNALL
272
Warum wurde die Kogge das erfolgreichste Schiff im 14. Jahrhundert?
KLAUS-PETER KIEDEL
276
Von Koggen zu Kümos – auf alten Handelsrouten



ALBRECHT SAUER
280
Bibliographie
Die Kogge von Bremen
Band I: Werner Lahn
Bauteile und Bauablauf
Schriften des DSM, Band 30
Hamburg: Verlag Die Hanse 1992
Rekonstruktionszeichnungen und Begleitschrift (inkl. engl. Zusammenfassung) in leinenbezogener Prachtkassette
250 S., 161 Abbildungen
Vergriffen.
Das Deutsche Schiffahrtsmuseum legt mit dieser Publikation das Ergebnis der wissenschaftlichen Bearbeitung des Fundes der Bremer Kogge vor. Die Prachtkassette enthält 37 Konstruktionszeichnungen (bis zu 120 cm lang) des gesamten Schiffes und seiner Einzelteile im Maßstab 1:20 und 1:10, ferner eine ausführliche Begleitschrift über den Bauablauf im Mittelalter mit genauer Beschreibung und Fotos der einzelnen Bauteile, Listen der wichtigsten Teile mit Maßangaben und englischen Zusammenfassungen. Die Bedeutung dieser wissenschaftlichen Ausgabe für alle im weitesten Sinne an Schiffbau- und Schiffahrtsgeschichte Interessierten kann kaum überschätzt werden.
Klaus-Peter Kiedel / Uwe Schnall (Eds.)
The Hanse Cog of 1380
History – Discovery – Salvage – Reconstruction – Preservation
Bremerhaven: Selbstverlag DSM 1985
80 S., 70 Abb., EUR 5,00